02.12.2017

EXPERTENFORUM      

Eine Aktion der


Birgit Dietel (links) und Ralf Sprenger erläutern, warum es wichtig ist, sich beizeiten mit dem Thema Barrierefreiheit auseinanderzusetzen und wie eine Wohnung beschaffen ist, in der man auch im Alter noch komfortabel, sicher und selbstbestimmt leben kann.

Fotos: Frank Mertel

Die ideale Wohnung: Ruhig und zentral

Immobilien-Expertin Birgit Dietel weiß, wie die ideale Wohnung für ein komfortables und selbstbestimmtes Leben im Alter aussieht:

"Sie ist weder zu groß noch zu klein und verfügt über einen großzügigen Grundriss." Die hellen und gut belüfteten Räume dürfen nicht durch Stufen oder Schwellen voneinander getrennt sein; idealerweise ist ein Aufzug vorhanden.

Ein Balkon oder eine Terrasse laden dazu ein, regelmäßig Frischluft zu schnuppern und am öffentlichen Leben teilzunehmen. Die Fenster müssen eine ausreichende Tiefe haben, so dass man auch in Sitzhöhe einen schönen Ausblick genießen kann.

"Die Wohnung sollte außerdem einfach und bequem zu beheizen sein - eine Fußbodenheizung beispielsweise sorgt überall für eine angenehme Wärme." Morderne Technik - von der Türsprechanlage über Bewegungsmelder für das Licht bis hin zu einem Hausnotruf - machen die Wohnung noch sicherer.

Die Wohnlage sollte ruhig sein, was dem verkehrslärm anbelangt, doch zentrumsnah genug, um am öffentlichen Leben teilnehmen zu können und Einkaufsmöglichkeiten zu Fuß zu erreichen. auch eine Bushaltestelle in unmittelbarer Nähe, gut erreichbare Arztpraxen und Apotheken und Möglichkeiten für unkomplizierte Spaziergänge sind maßgebliche Argumente.



Treppen, Stufen und Türschwellen können im Alter zu unüberwindbaren Hindernissen werden. Wer lange in den eigenen vier Wänden leben möchte, muss sich frühzeitig mit dem Thema auseinandersetzen. Die Möglichkeiten, auch im Alter noch selbstbestimmt zu leben, sind vielfältig.

Frühzeitig planen - Stolperfallen vermeiden

Wer sich nicht frühzeitig mit dem Thema Barrierefreiheit auseinandersetzt, kann im Alter im wahrsten Sinne des Wortes ins Stolpern kommen. Ralf Sprenger, Diplom-Ingenieur, Architekt und Geschäftsführer der gleichnamigen Baufirma, ließ auf Einladung der Frankenpost beim Themenabend "Selbstbestimmt Wohnen im Alter" die Gäste an seiner fast 20-jährigen Erfahrung teilhaben.

Hindernisse beseitigen
Treppen im Eingangsbereich oder Inneren des Hauses sowie einzelne Stufen im Wohnbereich mögen schick aussehen und in jungen Jahren nicht stören. Im Alter können sie jedoch plötzlich zu unüberwindbaren Hindernissen werden. Unterschränke unter Küchen-Spülen oder Waschbecken im Bad bieten zwar praktischen Stauraum - machen die Becken aber für Rollstuhl-Fahrer unerreichbar.
Wer auch im hohen Alter in den eigenen vier Wänden bleiben möchte, sollte rechtzeitig an Umbau-Maßnahmen denken. "Denn wenn es erst einmal so weit ist und man nicht mehr alleine zurecht kommt, möchte man sich damit nicht auch noch beschäftigen müssen."
Die eigenen vier Wände für das Leben im hohen Alter komfortabler und sicherer zu machen, muss nicht immer teuer sein. "Manchmal kann man auch mit ganz kleinen und einfachen Dingen schon viel bewirken", weiß Sprenger.

Mehr Orientierung
Markierungen auf Treppenstufen beispielsweise machen diese besser sichtbar; ein farbiger Kontrast zwischen Boden und Wänden sorgt bei nachlassender Sehkraft für bessere Orientierung im Raum.
Immobilien-Besitzern rät der Architekt dazu, sich frühzeitig folgende Fragen zu stellen: Wie möchte ich meine Immobilie nutzen? Will ich möglichst lange in meiner gewohnten Umgebung bleiben? Ist es mir wichtig, auch im Krankheitsfall bequem zu Hause wohnen zu können? Wie wichtig ist mir die Werterhaltung?
Da barrierefreie Immobilien sehr gesucht sind - und sich das in absehbarer Zeit keinesfalls ändern wird - sind Investitionen in entsprechende Umbau-Maßnahmen durchaus lohnend.

Gleich ans Alter denken
Allen, die aktuell neu bauen, rät Ralf Sprenger dazu, gleich etwas weiter zu denken und Vorkehrungen fürs Alter zu treffen. Breite Türen können später auch mit dem Rollator oder Rollstuhl bequem passiert werden. Ebenerdige Duschen, rutschsichere Fliesen und Wände, an denen später einfach Haltegriffe montiert werden können, machen ein Bad schon jetzt komfortabler und sicherer - und sorgen dafür, dass man es auch im hohen Alter noch gut alleine nutzen kann.
Wer beim Neubau bereits Schächte für einen Aufzug anlegt, kann später schnell und einfach einen einbauen lassen. "Aufzüge für Privatgebäude sind viel günstiger als man gemeinhin annimmt", beton der Architekt. Und auch die Sicherheitsvorschriften für solche Aufzüge seien wesentlich einfacher zu erfüllen als für öffentliche Gebäude.
Wer beim Bau von Balkon oder Terrasse gleich darauf achtet, dass die Türschwelle nicht zur Stolperfalle werden kann, kann den Balkon auch im hohen Alter und mit Gehwagen oder Rollstuhl noch bequem nutzen.

Rat vom Experten
Weil niemand an alles denken kann, ist es sinnvoll, sowohl beim Neubau als auch bei einem geplanten Umbau einen Experten zu Rate zu ziehen und die Baupläne detailliert durchzusprechen - auch mögliche Förderungen durch die KfW oder die Pflegekasse (bei Bestehen eines Pflegegrades) betreffend.



Individuell wohnen, Gemeinschaft genießen

Birgit Dietel, Geschäftsführerin der Steinel & Dietel GmbH, weiß: "Die Bewirtschaftung der eigenen Immobilie wird mit zunehmendem Alter immer aufwendiger und teurer." Die größte Bevölkerungsgruppe sind in Deutschland derzeit die zirka 50-Jährigen. In 20 Jahren sind diese Menschen um die 70 Jahre alt und auf altersgerechten Wohnraum angewiesen.

Birgit Dietel und ihre Kollegen haben es sich deshalb zur Aufgabe gemacht, in Stadt und Landkreis Hof solchen Wohnraum zu schaffen. "Urbanes Wohnen verschafft den Menschen Flexibilität und Mobilität, und sie können aktiv am Leben teilhaben." Geeignete Objekte liegen direkt in der Stadt oder verfügen über beste Verkehrsanbindungen. Dietel stellte verschiedene Projekte vor, die Komfort und Barrierefreiheit vereinen und eine aktive Teilnahme am gesellschaftlichen Leben ermöglichen.

Ein in der Region einzigartiges Projekt ist das "Wohndorf 21", das demnächst in drei Städten im Landkreis entstehen soll. Es vereint auf enzigartige Art und Weise den Wunsch nach einem unabhängigen Leben in den eigenen vier Wänden mit den Bedürfnissen des steigenden Alters - wie Barrierefreiheit, kurze Wege, medizinische Versorgung und soziale Kontakte.

"Flying Space" - fliegender Raum - heißen die Bungalows, die zwischen 50 und 100 Quadratmetern groß sind, sowohl von der Raumaufteilung als auch der Inneneinrichtung individuell gestaltbar sind, und die auf einer Art Pfählen stehen, so dass man sie theoretisch auch jeder Zeit ab- und wo anders wieder aufbauen kann. Dank modernster Technik sind die Bungalows zu 90 Prozent energieunabhängig.

"Das Rundum-Sorglos-Paket" nennt Birgit Dietel diese Wohnform. Denn jeder Bewohner des Wohndorfes lebt zwar selbstständig in seinem eigenen Bungalow, profitiert aber - so er denn will - von den sozialen Kontakten und den Gemeinschaftsräumen.

Dort sollen auch ärztliche Versorgung, Physiotherapie und ähnliche Angebote untergebracht werden. Auch die Zusammenarbeit mit einer Tagespflege-Einrichtung oder die Errichtung eines Cafés auf dem Gelände seien denkbar.

Herzstück des Wohndorfes ist die zentrale Versorgungseinheit. Hier hat jeder Bewohner einen eigenen Vorratsraum für Lebensmittel und Getränke. Lieferverträge mit lokalen Versorgern machen den Einkauf zum Kinderspiel.

Baugenehmigungen gibt es bislang noch keine, doch die Gespräche mit Bürgermeistern und anderen Verantwortlichen schreiten voran und die Vision soll bald Wirklichkeit werden. Mehr Infos gibt es unter Telefon 09281/7261-20.